Mittwoch, 25. Juli 2018

Anfrage Einsatz von glyphosathaltigen Herbiziden durch die Deutsche Bahn AG

Landeshauptstadt Hannover
Antwort 15-0050/2018 F1

Top 11.2.2.
An den Stadtbezirksrat Buchholz-Kleefeld (zur Kenntnis)


Antwort der Verwaltung auf die Anfrage Einsatz von glyphosathaltigen Herbiziden durch die Deutsche Bahn AG auf der Gleisstrecke in Buchholz-Kleefeld Sitzung des Stadtbezirksrates Buchholz-Kleefeld am 08.02.2018 TOP 11.2.2.


Die Deutsche Bahn hat 2017 65,4 Tonnen Glyphosat verbraucht und ist vermutlich erneut größter Einzelabnehmer des umstrittenen Unkrautvernichtungsmittels in Deutschland. Es werde zur „chemischen Vegetationskontrolle“ auf dem Schienennetz ausgebracht, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Sören Bartol.
Das Schienennetz der DB umfasste 2015 34.000 km. Die von der Bahn ausgebrachte Glyphosatmenge entspricht daher ca. 1,92 Kilo je Kilometer Gleisstrecke. Einschließlich der Güterumgehungsbahnstrecke, die stellenweise die Südostgrenze des Stadtbezirks berührt, befinden sich ca. 5 km Bundesbahn-Gleisstrecke in Buchholz-Kleefeld.
Die EFSA (European Food Safety Authority) hat 0,5 mg/kg/Tag als maximale sichere Dosis bei Menschen ermittelt. (= acute reference dose (ARfD))
Wissenschaftlich umstritten ist, wie stark der menschliche Körper Glyphosat nach den unterschiedlichen Darreichungsformen (z.B. Inhalation, Hautkontakt oder durch das Grundwasser) resorbiert. Es ist daher (noch) nicht möglich, definitiv zu bestimmen, wie viele Menschen im Stadtbezirk bei einer angenommenen Ausbringung des Bundesdurchschnitts (1,92 kg je Gleiskilometer) von einer gefährlichen Dosis Glyphosat potenziell gefährdet sein könnten. Nach dem europaweit geltenden Vorsorgeprinzip ist folglich hier große Vorsicht geboten

Ich frage daher die Verwaltung:

  1. st der Stadt Hannover bekannt, ob und – wenn ja – wie viel an glyphosathaltigen Herbizid-Lösungen jährlich durch die Bundesbahn auf der innerhalb des Stadtbezirks Buchholz-Kleefeld liegenden Gleisstrecke ausgebracht wird?
  2. Setzt die Stadt Hannover (etwa durch den Fachbereich Umwelt und Stadtgrün) solche Herbizid-Lösungen innerhalb von Buchholz-Kleefeld ein?

Die Anfrage zu Punkt 1 wird von der Deutschen Bahn AG (DB) wie folgt beantwortet:

Bevor auf die eigentliche Fragestellung eingegangen wird, ist es erforderlich, dass die doch sehr ortsspezifische Fragestellung in einen größeren Zusammenhang eingeordnet wird:
Die Freihaltung des Gleisbereichs von Vegetation ist für alle Schieneninfra- strukturbetreiber von hoher Bedeutung, um die auf die hohen Belastungen ausgerichteten Eigenschaften des Oberbaus zu erhalten und die Betriebs- und Arbeitssicherheit zu gewährleisten.
In der Vergangenheit hat die DB thermische (Heißluft, Heißwasser, Heißdampf, Heißschaum) und mechanische (Schotterbürsten) Verfahren getestet. Alle Alternativen wurden auf Grund des hohen Energieverbrauchs, der nichtselektiven Wirkung auf alle Organismen (z.B. auch Eidechsen) und der sehr langsamen Arbeitsgeschwindigkeit – und der damit verbundenen Sperrung von Gleisen – als nicht umsetzbar bewertet. Eine Evaluation der bestehenden Alternativen durch europäische Bahnen (insb. SNCF) ergab, dass sich die Technik seither nicht nennenswert weiter entwickelt hat. Daher erproben die europäischen Bahnen verschiedene Alternativmethoden. Über die Ergebnisse tauschen sich die Bahnen aus. Während sich die SNCF mit Abdeckverfahren und UV-Technik befasst, betreibt die DB in Kooperation mit zwei Firmen Forschungen auf dem Gebiet der elektrischen Unkrautbekämpfung.
Die Reduktion chemischer Wirkstoffe ist das kurzfristige Ziel der DB. Dies soll durch die Digitalisierung der Spritzzüge erfolgen. Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Unkrauterkennung und der sensorgesteuerten Spritztechnik werden mit den beauftragten Unternehmen vorangetrieben.
Das mittelfristige Ziel der DB ist die Substitution chemischer Herbizide auf Streckenabschnitten mit niedriger betrieblicher Relevanz. Das bedeutet eine Reduktion von Glyphosat durch teilweisen Einsatz erprobter alternativer Verfahren.
Die Umsetzbarkeit des langfristigen Ziels der DB, die Vermeidung chemischer Substanzen zur Unkrautbekämpfung, hängt von den weiteren Entwicklungen alternativer Verfahren ab. Die ökologischen Auswirkungen thermischer Verfahren auf alle Lebewesen im Schotterbett sowie der hohe energetische Aufwand, der Eintrag von Substanzen bei Substitution mit organischen Säuren oder organischen Temperaturträgern müssen ebenso bewertet werden wie die betrieblichen Anforderungen an die Arbeitsgeschwindigkeit.
Die bestehenden Kooperationen zwischen Bahnen europäischer Länder, Behörden, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen zeigen das große Potential dieses Marktes. Die DB sieht jedoch auch das Risiko, dass Glyphosat bei überstürztem Verbot oder freiwilligem Ausstieg durch andere chemische Herbizide substituiert wird, die im Zweifel schlechter erforscht sind und unbekannte Gefahren bergen.
Die Gleisanlagen der DB stellen trotz oder vielleicht sollte man besser sagen, gerade deshalb einen wertvollen Lebensraum für Reptilien insbesondere Eidechsen dar, weil dieser Bereich und nur dieser Bereich von Vegetation freigehalten wird. Während die Tiere die mechanisch gepflegten Böschungsbereiche als Schutz aufsuchen, werden die offenen Gleisschotter als Sonnen- und Jagdhabitate genutzt. Dieses Verhalten der Tiere führt dazu, dass die DB bei zahlreichen Oberbauerneuerungen umfangreiche artenschutzrechtliche Schutzmaßnahmen durchführen (müssen).
Im Jahr 2016 wurden dafür auf den insgesamt 61.000 km langen Gleisen der DB AG auf 56.289 km insgesamt 67.647 l Glyphosat eingesetzt. In 2017 wurden auf 56.019 km Gleisanlagen 65.398 l Glyphosat eingesetzt. Dies entspricht ca. 0,15 Prozent der in Deutschland insgesamt ausgebrachten Herbizidmengen und 0,1 Prozent der gesamten Pflanzenschutzmittelmengen.
Nach dieser allgemeinen Einführung geht die DB nun auf die angefragte ortsspezifische Situation eingehen. Im Stadtbezirk Hannover-Kleefeld verlaufen in zwei Achsen drei - 3 - Strecken durch den oder entlang des Stadtteils:

  1. Die Achse Hannover-Lehrte mit der zweigleisigen Strecke 1730 („Fernverkehrsstrecke“) sowie der wechselweise ein- und zweigleisigen S-Bahn-Strecke 1734
  2. Die sog. „Güterumgehungsbahn“ (Strecke 1750)

Leider hat die DB keine genaue Kenntnis über die Lage der Stadtbezirksgrenzen. Die DB nimmt vereinfachend an, dass die beiden Strecken 1730/1734 ungefähr ab dem Messeschnellweg (und damit ungefähr Eisenbahnkilometer 2,6) mit allen Gleisen bis zur Stadtteilgrenze nach Misburg (ungefähr km 6,2) komplett dem Stadtbezirk zugeschlagen werden.
Die Strecke 1730 ist komplett zweigleisig, je Richtung ergeben 3,6 Kilometer. Die Strecke 1734 verläuft im Bereich von km 2,6 bis km 4,287 eingleisig, und im Bereich von km 4,287 bis km 6,2 zweigleisig. In der Summe ergeben sich ca. 5,5 km. Die Strecke 1750 (Güterumgehungsbahn) startet an der Stadtbezirksgrenze ungefähr bei km 31,3. Leider weisen die der DB vorliegenden Kartengrundlagen unterschiedliche Verläufe der Stadtteilgrenze aus. Im Weiteren geht die DB davon aus, dass die Strecke 1750 von hier an in Richtung Osten komplett mit beiden Gleisen dem Stadtbezirk Kleefeld-Buchholz zugeschlagen wird. Der Bereich endet ungefähr bei der Eisenbahnüberführung Tiergarten in km 32,1.
Die Strecke 1750 verläuft komplett zweigleisig und weist je Richtung damit 0,8 Kilometer im Stadtbezirk auf. In Summe ergeben sich für alle Strecken damit ca. 14,7 km Gleislänge. Der Gleisrost selber war während der Behandlung der genannten Strecken sehr sauber, so dass eine durchgehende Behandlung des Randweges im Regelfall nur auf den sogenannten „Randwegen“ erfolgt. Diese Information ist von Bedeutung, da die glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittel Blattherbizide sind und nur auf vorhandenen Pflanzen ausgebracht werden, also keine flächendeckende Ausbringung der Mittel erfolgt. Sie werden von Spritzzügen der DB im Gleisrost über Sensoren nur auf vorhandenen Pflanzen ausgebracht, im Bereich der Schotterflanke und des Randweges übernehmen diese Funktion die Mitarbeiter auf den Spritzzügen.
Folgende Behandlungen sind 2017 erfolgt:

  • Strecke 1730, Richtung 1 am 26.05.2017 mit Glyfos Supreme. •
  • Strecke 1730, Richtung 2 am 25.06.2017 mit Tender GB Ultra. •
  • Strecke 1734, alle Gleise am 28.05.2017 mit Tender GB Ultra. •
  • Strecke 1750, beide Richtungen am 17.07.2017 mit Tender GB Ultra.
Kalkulatorisch kommt die DB auf ca. 27,6 Liter glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel.

Zur Frage 2 antwortet die Verwaltung wie folgt:

Der Fachbereich Umwelt und Stadtgrün hat im Stadtbezirk keine landwirtschaftlichen Nutzflächen verpachtet, somit wird auch kein Glyphosat eingesetzt. Auf öffentlichen Grünflächen wird ebenfalls kein Glyphosat eingesetzt.

                                                                            18.62.04 BRB
                                                                            Hannover / 07.02.2018 

https://e-government.hannover-stadt.de/lhhsimwebre.nsf/DS/15-0050-2018F1 

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